Piraten-Ökonomie

Wenn Wölfe Schafe Räuber nennen, fürchten sie um ihre Zähne

Heute schon geraubt? Und wenn nicht – können Sie für Ihren Sohn oder die Tochter die Hand ins Feuer legen? Offenbar wächst mitten unter uns eine Generation pausbäckiger Schwerkrimineller heran, die hart arbeitende Leute um ihr Hab und Gut bringen und sich dabei so toll finden wie Jonny Depp, wenn er faulen Kaufleuten ein paar Dukaten oder ein ganzes Segelschiff abnimmt. Aber die Kanonen der Piratenjäger werden gerade nachgeladen. Die schwedischen Pirate-Bay-Betreiber sind verurteilt, die Überwachungsgesetze gestrickt oder schon beschlossen, illegalen Downloadern drohen Internetsperren und teure Abmahnungen, und ein paar von Somalias Piraten, die man mangels zuständiger Gerichtsbarkeit nicht vor eine solche stellen kann, wurden im April kurzerhand erschossen.

Hoppla – Somalia-Piraten und Downloader in einem Atemzug? Das geht doch nicht! Genau diese Gleichsetzung betreibt aber die Medienindustrie. Es geht sogar noch schlimmer: Das ganze Internet sei eine „Enteignungsmaschinerie“, hieß es kürzlich in der FAZ (1), und nicht nur die Pirate-Bay-Betreiber, sondern auch Google würde (mit dem Vorhaben, das Weltwissen zu digitalisieren), „einen Angriff auf die künstlerischen Lebensgrundlagen und die kulturelle Vielfalt“ unternehmen.

Was offeriert Pirate-Bay? Wir wollen nichts beschönigen. Auf den Servern von www.piratebay.com liegen Links (nicht die Daten selbst) zu mehr als 1,6 Millionen Filmen, Musiktiteln, Büchern und Programmen. Darauf greifen mehr als eine Million Nutzer aus aller Welt zu – pro Minute! Sicher auch für legale Tauschaktionen, doch wer nennt sich schon „Piratenbucht“, wenn er nur braven Surfern Zuflucht bieten will? Frech haben die Pirate- Bay-Betreiber noch während des Prozesses einen Anonymisierungsdienst eingerichtet, der es den Nutzern erlaubt, unerkannt zu bleiben. Was wird wem „geraubt“? Um 1980 kostete eine Langspielplatte 18 DM, zehn Jahre später die CD 29,90 DM, heute kostet ein einzelner Song im Internet 99 Ct. Platte und CD sind materielle Produkte, sie müssen gepresst, verpackt, transportiert, gelagert, im Laden präsentiert und schließlich verkauft werden. Ein aufwändiger Prozess, der erklärt, warum vom Preis einer CD oder eines Buches nur wenige Prozent auf das Konto des Urhebers fließen. Songs, die per Internet verteilt werden, sind dagegen so immateriell wie ein Lied, das von Mund zu Mund wandert, sie sind Informationsprodukte. Aufwand und Kosten sind auf die Herstellung eines einzigen Exemplars begrenzt, das irgendwo im Internet bereit steht. Die Herstellungskosten können in die Millionen gehen, etwa bei einem Film, doch sie fallen nur einmal an. In der Sprache der Betriebswirtschaft: Die Grenzkosten sind Null. Die Grenzkosten sind die Kosten für jedes zusätzlich hergestellte Produkt. In der Regel sinken diese stark mit der Auflage bzw. Produktzahl, doch bei Informationsprodukten sind sie von der ersten Kopie an Null – das ist eine neue Qualität. Und das erklärt das mangelnde Unrechtsbewusstsein so vieler Internet-„Piraten“: Warum nicht nehmen, was man niemandem wegnimmt? Die Kriminalisierung durch die Medienindustrie ähnelt den Bemühungen des Papstes, etwas zur „Sünde“ zu erklären, was seine Schäfchen in aller Unschuld tun, was Spaß macht und niemandem schadet – außer einer Kirche, die ihre Macht gerade auch aus der Reglementierung und Zuteilung kostenloser Freuden zieht.

Doch wovon sollen die Autoren, Künstler und Programmier denn leben, wenn alles kostenlos kopiert werden kann? Die berechtigte Frage wird leider als Totschlagargument gegen jede Denk-Alternative gebraucht. Sie suggeriert, dass Einzelverkauf die einzig mögliche Einnahmequelle ist, und verdrängt, dass davon schon jetzt die Urheber nur marginal profitieren. In den USA bekommen Musiker vom Downloadpreis ihrer Songs (ca. 1 US-$) gegenwärtig 9,1 Cent. Eine geforderte Erhöhung auf 15 Cent wurde Ende 2008 vom Copyright Royalty Board (CRB) abgelehnt, angeblich auf Betreiben Apples (das gerade den Verkauf des milliardsten Songs in seinem iTune-Store bekanntgab). Die Digital Media Association hatte sogar eine Absenkung auf 4,5 Cents gefordert. Nicht anders ist dies in anderen Sparten und sehr viel drastischer noch im Bereich wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Beim Rundfunk funktionieren Gebühren-Flatrate-Modelle dagegen schon seit fast 90 Jahren, sind preiswerter für die Verbraucher und günstiger für die Mehrheit der Urheber. Werbefinanzierung ist auch eine Flatrate, hat aber den Nachteil, dass der Konsument fürs Angebot zweimal zahlt: Einmal in Form der in Produktpreisen versteckten Werbesteuer, zum anderen durch die massive Störung und Entwertung des Angebots durch Werbung.

Kopieren als Produktivkraft Die künstliche Zuteilung im Überfluss vorhandener Produkte (Kopierschutz) wurde bisher immer in kürzester Zeit geknackt oder umgangen. Wie einem „Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor“, gelingt es dem Kapitalismus nicht, der eigenen Schöpfung marktwirtschaftliche Zügel anzulegen. Schon gibt es Stimmen, die das Internet und die damit begründete „Umsonst-Kultur“ als die verhängnisvollste Erfindung des 20. Jahrhunderts ansehen. Das Hexenmeister- Zitat stammt aus dem Kommunistischen Manifest, weiter schreibt Marx dort: „Die Produktivkräfte, die ihr (der bürgerlichen Gesellschaft, Anm. R.A.) zur Verfügung stehen, gefährden … die Existenz des bürgerlichen Eigentums.“ Die unbegrenzte Kopier- und Verteilbarkeit von Informationsprodukten stellt eine gewaltige Produktivkraft dar. Einerseits verhilft dies dem Kapitalismus zu neuen, globalen Profiten, andererseits bedroht das Internet das bürgerliche Eigentum (vorerst in seiner Form als „geistiges“ Eigentum), damit aber den Kapitalismus selbst.

Keimform Internet Jede neue Gesellschaft hat, ebenfalls nach Marx, ihre Keimform in der alten. Auf der Suche nach solchen Keimformen stießen vor etwa zehn Jahren linke Philosophen auf die Freie Software (2), insbesondere Linux. Eine General Public License (GPL), auch Copyleft genannt, gibt jedem das Recht zur Nutzung. GPL-Software erfreut sich regen Lebens, konnte aber den marktbeherrschenden Firmen noch nicht wirklich Konkurrenz machen. Gerade hat die Linux- Verbreitung die 1-Prozent-Marke überschritten. Die Subversivität von Linux& Co ist – nicht nur wegen dieser Nischenexistenz – begrenzt, aber sie zeigt den Anbetern des Homo Oeconomicus doch etwas sehr Wichtiges: Menschen können ohne Aussicht auf Profit oder gar Entlohnung freiwillig sehr viel Kraft und Zeit in sehr gute Produkte stecken. Linux& Co haben bewiesen, dass der Verzicht auf Copyright-Einnahmen eben nicht kulturellen Untergang bedeutet, ganz im Gegenteil.

Die sogenannte Internet-Piraterie geht jedoch sehr viel weiter: Sie (be)greift Informationsprodukte ganz selbstverständlich als das, was sie sind: Produkte ohne „Wert“ im klassischen Sinn. Dass der Zugriff darauf „illegal“ ist, zeigt nur, dass die Legislative diesen grundlegend anderen Charakter nicht zur Kenntnis nimmt. 31 fürchten sie um ihre Zähne Stattdessen lässt sie sich zum Büttel von Konzernen machen, deren „Verwertungsansprüche“ sich marktwirtschaftlich nicht mehr durchsetzen lassen – nur noch mit Strafandrohung und Polizeigewalt. Im Rücken der Medien-Aufmerksamkeit findet derweil die eigentliche Piraterie statt: Konzerne verschaffen sich Monopolrechte auf Informationen und Wissen, das bisher als frei galt bzw. nach einer gewissen Zeit frei zugänglich wurde. Gerade steht die Verlängerung der Schutzrechte für Musik auf der EU-Tagesordnung. Folgenschwerer sind die international teilweise schon durchgesetzte Patentierbarkeit von Spezialwissen (Software- und Biopatente) und der angestrebte „Kopierschutz“ für Leben (z.B. „Terminator-Saatgut“, das nur einmal keimt).

Das Internet untergräbt die Selbstverständlichkeit kapitalistischer Ökonomie, weil es zeigt, dass sie nicht nötig ist, um hochwertige Produkte im Überfluss zu erzeugen und zu verteilen. Es bringt nicht nur die Profite einzelner Unternehmen in Gefahr, sondern ein ganzes System. Eigentlich kein Wunder, dass dieses sich nun wehrt. Der Wolf hat Angst um seine Zähne, mit denen er die Beute reißt.

1) Unter Piraten, Sandra Kegel in FAZ vom 26.4.2009, Kommentar
2) Siehe u.a.: Stefan Meretz: Freie Software – 20 Thesen für eine andere Gesellschaft, www.opentheory.org/fs-thesen/text.phtml
Eben Moglen: The dotCommunist Manifesto, www.emoglen.law.columbia.edu/publications/dcm.html

 

Veröffentlicht in Heft 6 (2009) der Zeitschrift

© Ralph Altmann

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